Tagung der DJG vom 27. – 29. Okt. 2023 im AZK in Königswinter
Kooperationspartner: Arbeitnehmerzentrum Königswinter
Die Debatte um den Umgang mit Migration gehört in vielen Ländern seit Jahren zu den umstrittensten gesellschaftspolitischen Themen. Grund genug sich den unterschiedlichen Aspekten der Migration aus der Sicht eines Landes zu nähern, dessen Gesellschaft seit jeher vollständig von dieser Problematik bestimmt wird. Jamaika, dessen Bevölkerung nach offiziellen Angaben zu 90% afrikanische Wurzeln besitzt, ist neben diesem aus der Sklaverei entstandenen Erbe auch durch eine große Auswanderung geprägt. Nach dem 2. Weltkrieg führte sie nach England, heute in die USA und Kanada. Bei einer Bevölkerung von knapp 3 Millionen haben allein in den 90 Jahren über 216 000 Jamaikanerinnen und Jamaikaner die Insel meist in Richtung Norden verlassen. Die Auswanderung nach Europa ist nach 1945, als 500 000 aus der Karibik nach England zogen und dort als „Windrush-Generation“ in den letzten Jahren um Ihre Anerkennung als britische Staatsbürger kämpfen mussten, heute vergleichsweise wesentlich geringer.
Die Analysen der durch die Einwanderung entstandenen Gesellschaft gehen maßgeblich auf den Soziologen Kamau Brathwaite (1930 – 2020) zurück. Marlies Glaser und Ian Ward, DJG, stellten den Lebensweg von Brathwaite beginnend in Barbados und seiner Studienzeit in England vor. Dort war er maßgeblich an der Gründung des „Caribbean Artists Movements“ (gegründet 1966) beteiligt. Forschungsaufenthalte in Afrika und schließlich die Lehrtätigkeit an der UWI in Kingston schlossen sich an. Alja Naliwaiko und Rainer Epp, die Brathwaite Anfang der 80 aus Kingston her kannten, hatten für die nähere Betrachtung das Gedicht „Calypso“ aus dem 1. Band „Rights of Passage“ (S. 88) ausgesucht. Das Gedicht, war sowohl im Original von Brathwaite, einem glänzenden „Performer“, als auch in der Übersetzung von Rainer Epp zu hören. Es vermittelte in einzigartiger Weise den ganzheitlichen Blick von Brathwaite auf die faszinierende Inselwelt und ihre Volkskultur, die er auf einmalige Art und Weise in seinem Calypso-Gedicht erkundete.
Bei der Zusammensetzung der „weißen“ Bevölkerung der Insel, wiesen Andrea und George Llewellyn, DJG in ihrem Beitrag auf Irland als wichtiges Herkunftsland hin. In heutiger Zeit erinnern nach einer weitgehenden Integration der „Black Irish“ noch die Rolle der katholischen Kirche, viele Namen, historische Quellen, Gerichte und Getränke an den irischen Einfluss auf Jamaika, der in jüngster Zeit auch wieder in Irland im „The Irish Emigration Museum EPIC“ in Dublin sichtbar geworden ist. Unter dem Titel „Entangled Islands“ wurden dort in einer Sonderausstellung ab Herbst 2023 die Verflechtungen der Iren mit der Karibik gesondert thematisiert.
Den Bogen in die BRD schlug in ihrem Beitrag Nicole Amoussou, Präsidentin der Black Academy/PLACE e.V. aus Mannheim. Die aus Benin stammende Bildungsreferentin berät sowohl aus Afrika kommende Personen wie Organisationen und Initiativen hierzulande, die im Bereich Dekolonisierung und internationale Begegnung tätig sind. Im Zusammenhang mit den jüngsten Kontroversen um die Rückgabe der Benin-Bronzen nach Nigeria plädiert sie dafür, die ganze gesellschaftspolitische Bedeutung der kolonialen Raubgüter in den Blick zu nehmen und sie nicht auf ihren musealen Wert zu beschränken. Sie forderte in im Hinblick auf den Sklavenhandel auch in Afrika eine neue Erinnerungskultur. Negative Bilder Afrikas und koloniale Narrative möchte die Black Academy in ihrer Bildungsarbeit ändern und deshalb ein positives Bild Schwarzer Persönlichkeiten sichtbar machen.
Die Suche nach positiven Leitbildern stand auch in Jamaika nach der Unabhängigkeit 1962 ganz oben auf der Tagesordnung. Dr.Sabine Sörgel vom NRW Tanzhaus Düsseldorf hat dies in ihrer Studie „Dancing Postcolonialism“ am Beispiel der “National Dance Company of Jamaica, NDTC“ und ihrer Bedeutung für die junge Nation aufgearbeitet. Sie zeigte an der Gründung des NDTC durch Rex Nettleford und Eddy Thomas 1962, dass von Anfang an ein Rahmen für das Projekt gesucht wurde, der von Westafrika über den „schwarzen Atlantik“, Europa, Harlem und schließlich die Folk-Dance Tradition Jamaikas reichte. Für Nettleford war das Tanztheater prädestiniert, die afrikanische Ästhetik und Ausdruckskraft, die sich in den ländlichen religiösen Kulten erhalten hatweiter zu entwickeln und sie als Bühnenstücke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine Auswahl der auf jamaikanischen Folk-Traditionen basierenden Stücke „Mayal“, „Kumina“ und „Gerrehbenta“ wurde im Abendprogramm nach einem per Video übermitteltem Grußwort des derzeitigen Leiters des NDTC Marlon Simms noch ausführlich von Sabine Sörgel interpretiert und diskutiert.
Dr. Imani Tafari-Ama von der UWI in Kingston argumentierte in ihrem Zoom- Beitrag „Whose Culture you Displaying – Kolonialismus, die Tilgung der Erinnerung und die kulturelle Aneignung“ für die Notwendigkeit, dass gerade auch Deutschland seine Beteiligung am Kolonialsystem nach der Berliner Konferenz 1884 kritisch aufarbeiten muss. Ausgehend von der von ihrer gestalteten Ausstellung “Rum, Sweat and Tears“ im Rummuseum in Flensburg (2018), plädierte sie für eine Neubewertung der deutschen Verantwortung am Sklavenhandel. Als Beispiele sieht sie den Bau der Festung Friedrichsburg in Ghana ab 1683 und die deutsche Beteiligung am Sklavenhandel Dänemarks auf St Thomas ab 1671. Beides getragen von Handelsunternehmungen mit großer internationaler Bedeutung, deren Stellenwert in der BRD meist unterbewertet wird. Imani Tafari sieht es deshalb als wichtige Aufgabe an, das Wissen über die deutsche Kolonialgeschichte vor der Berliner Konferenz zu verbreiten und die Spuren dieses „Colonial Memory“ auf St. Thomas zu sichern. Als Beispiel für die Herrschaft der Brandenburger führte sie die Zusammenarbeit mit dem notorischen John Canoe Conny an, einem berüchtigten Akan War-Lord und Sklavenhändler.
Stichpunkte aus der aktuellen politischen Situation in Jamaika griff Rosemarie Francis Binder in ihrem Überblick auf. Das waren Informationen aus der Zivilgesellschaft in Sachen eines möglichen Austritts Jamaikas aus dem Commonwealth und damit verbunden die Debatte um eine neue Verfassung. 2025 könnte diese Entscheidung aktuell werden!
Für den späteren Abend hatten Andrea und George Llewellyn passend zum Thema eine kulinarische Neuentwicklung vorbereitet: „Spiced Brown Scones“ als „Irish-Jamaican Crossover“ schufen die Grundlage für den obligatorischen Rum-Punsch von Dieter Nemec, der dann den Ausgangspunkt für die „Selection“ von DJ Karl-Olaf Kaiser bildete, mit der er für beste Stimmung bis weit nach Mitternacht sorgte.
Die vielfältigen Seiten der Spuren der Einwanderung zeigen sich im Westen Jamaikas besonders deutlich. Als Symbol der aus Westafrika stammenden Yoruba gilt der kleine Ort Abeokuta, der nur wenige Kilometer vom Zentrum deutscher Auswanderer in Seaford Town liegt. Abeokuta, nach einer Millionenstadt im Westen Nigerias benannt, führt zu der Frage nach dem Stellenwert des Erbes der Sklaven aus dieser Region, das Jörg Wenzel, DJG in seinem Beitrag vorstellte. ,. Olive Lewin, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, traditionelle Bräuche, Tänze und Gesänge quer durch Jamaika zu dokumentieren, legte ihre Aufzeichnungen aus Abeokuta nigerianischen Linguisten vor, die ihre Yoruba-Ursprünge bestätigten. Wole Soyinka, der in Abeokuta geborene Literatur-Nobelpreisträger fühlte sich bei seinem Besuch in Jamaika sogar an das Leben im Haus seiner Großmutter erinnert. Verschiedene Organisationen haben sich im heutigen Jamaika der Erhaltung des Yoruba-Erbes, etwa der Ettu und Nago Gesänge und Tänze verschrieben.
Das Zentrum der deutschen Einwanderung aus Bremen und dem Weserbergland bildete das Städtchen Seaford Town im Westen der Insel. Die Ansiedlung der Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter ab 1835 sollte den Mangel an Arbeitskräften auf den Plantagen beheben. Krankheiten und rudimentäre Lebensverhältnisse standen einem größeren Erfolg jedoch im Wege. Viele der Einwanderer zogen weiter nach Nordamerika und so blieb der deutsche Einfluss in der Gegend doch sehr begrenzt, wie Ian Ward, DJG in seinem Bericht feststellte. Nichtsdestotrotz hat sich eine internationale Initiative gebildet, die mit dem Bau eines Museums und eines Kulturzentrums sowohl die schon früher geleistete Erinnerungsarbeit (u.a. mit Hilfe der Deutschen Botschaft) neu beleben möchte.
Einen ganz anderen Aspekt des kolonialen Erbes griff der abschließende Beitrag von Karl-Olaf Kaiser, DJG, auf, der sich mit den informellen Lebensverhältnissen vieler jamaikanischer Familien beschäftigte, die nach dem Ende der Sklaverei die Plantagen verließen und sich im scheinbar freien Land, dem sogenannten „Crown Land“ ansiedelten. Heute sind dies in Jamaika ca. 840 000 Landstücke, von denen nach 40 Jahren Unabhängigkeit erst 45% registriert sind. Ein wichtiges Ziel ist es deshalb bis zum heutigen Tag das „Family Land“ zu kaufen und die Registrierung zu finanzieren. Um den Vorgang der Landregistrierung zu beschleunigen, wurden 2001 „Land Agencys“ ins Leben gerufen. Dort begutachten Rechtsanwälte und Gemeindevertreter die Einzelfälle. Nach Rechtslage können die Nutzer eines Landstückes nach 12 Jahren den Besitz für sich beanspruchen - wenn es dazu keine Einsprüche gibt. Hinzu kommt noch, wie Karl- Olaf Kaiser berichtete, dass mittlerweile erhebliche Teile von Städten betroffen sind und mit ungeklärten Verhältnissen bei Wasser, Strom und Rettungsdiensten leben müssen.
In der Abschluss-Runde konnte Jens Janßen, AZK, neben den vielen positiven Rückmeldungen zu der Tagung, feststellen, dass die Diskussionen zur Migration weltweit eines der wichtigsten Themen unserer Zeit sind. Es wurde auch deutlich, dass vor einfachen Antworten bei diesem äußerst komplexen Tema nur gewarnt werden kann. Gleichzeitig zeigte sich am Beispiel Jamaikas oder auch der Zuwanderung aus Afrika nach Deutschland, welches außerordentliche Potential die „Arrivants“ in allen gesellschaftlichen Bereichen darstellen.