Ian Flemming und sein Jamaika

Matthew Parker: „Goldeneye - Ian Fleming und Jamaika. Wo James Bond zur Welt kam“

aus dem Englischen von Felix Mayer, Septime, 504 Seiten, 26,-

Der Zweite Weltkrieg rettet ihn vor einer unheilbar verkrachten Existenz. Der als Schwerenöter so berühmte wie verrufene Ian Fleming ist beinah überall im bürgerlichen Feld gescheitert, auf jeden Fall auch als Kadett, Anwärter im Auswärtigen Dienst sowie als Börsenmakler. Er kommt bei der Marineaufklärung unter. Jahrzehnte später wird Fleming das Phänomen in „Man lebt nur zweimal“ auf den Punkt bringen. Er rechnet sich zu den vielen Neurotikern, deren Not mit dem zivilen Dasein endete.

"Der Krieg hätte für mich nicht interessanter verlaufen können.“

Der erste James Bond-Roman erscheint im Jahr der Krönung Ihrer Majestät der Königin von England 1953. „Casino Royale“ zeigt vor allem, dass James Bond von seinem Schöpfer nicht als unschlagbarer Hulk angelegt wurde. Bond zweifelt an seinen Fähigkeiten. Er beweist zwar selbstentleibende Einsatzbereitschaft, stößt aber immer wieder an seine Grenzen, ohne indes einer post-heroischen Sichtweise Vorschub zu leisten.

Bond steht in einer Tradition epochemachender Sportsmänner. Er ist eine Säule der Kameraderie aus dem englisch-sadistischen Internatswesen. Kunst und Kultur gehören für ihn zum gesellschaftlichen Anstrich. Diese Größen garantieren etwas Substanzielles außerhalb seiner sozialen Reichweite.

Bond rechnet sich zu den bewahrenden Kräften. Seine Loyalität ist keimfrei und grenzenlos. Sie hat allerdings kein Milieu. Man kann sich Bond schwerlich in einer Gesellschaft rückwärtsgewandter Monarchisten vorstellen. Der Agent streift das Klubgeschehen auf seinen Wegen in die Karibik.

Die Konservativen haben die besseren Schneider, das wäre ein Argument, sofern Bond auf Argumente angewiesen wäre. Aber Bond braucht nur eine Mission. Ihn interessiert allein die Praxis. Die Praxis erschöpft sich im Identifizieren, Aufspüren und Ausschalten des von Haus aus übermächtigen und skrupellosen Feindes. Das vollzieht sich nicht vom ersten Abenteuer an so stilvoll wie es später der Ikonografie eingeschrieben wurde. Zunächst erscheint Bond eher wie ein Camper auf der freien Wildbahn, der, wenn er in der Stadt zu tun hat, die Form achselzuckend wahrend, einen Anzug trägt. Er könnte als Modell für Freizeitkleidung durchgehen.

Ian Fleming verpasste seinem Geschöpf das eigene Repertoire. Dazu zählte eine Reihe von Abneigungen, die ein nachlässig erzogenes Kind der Oberschicht stereotyp aus unverdauten Widersprüchen bezog. Das Elternhaus war so puritanisch wie hedonistisch. Ian Fleming musste, wie sein begabterer und beliebterer Bruder Peter, die Internats-ochsentour absolvieren. Er reagierte idiosynkratisch auf Zwang und bewahrte sich vor Drill. Seine Leidenschaften verbanden ihn mit Frauen, die Sex wollten und ihn als grandiosen Liebhaber kategorisierten. Die Bond-Romane verbreiten das Konzept, das schon deshalb nicht aus einer Obsession kommt, weil es auf allen Strecken nur Erfüllung gibt. Weder Fleming noch Bond verführen über ihre Verhältnisse. Sie beherrschen das Genre und behalten die Übersicht.